Presse

Artikel in ARTMAPP, Sommer 2017

 

Dierk Maass: Traces° of‘ Urbanity“

 

Das Wesen der Dinge

 

Dierk Maass’ Fotografie ist Ausdruck einer Idee, die Welt nicht nur zu rezipieren, sondern sie zu gestalten. Seine neuen Bilder erzählen schlichter als zuvor vom Menschsein, von der menschlichen Kultur.

 

Dierk Maass zeigte uns in der Vergangenheit Bilder aus dem Nordwesten Nepals, einem tibetischen Siedlungsgebiet im Himalaja: faszinierende Bergpanoramen, deren Sepiatöne auch Fotografienostalgikern gefallen konnten. Bevor diese Bilder entstanden, galt es, Pässe zu überqueren, die 5.000 Meter hoch liegen.

 

Die Welt ist atemberaubend. Das zeigt nicht nur das Buch Shades° of‘ Dolpo“, das im Kehrer Verlag erschienen ist – das erzählen so viele der Bilder des in Zürich lebenden ­Fotografen Dierk Maass. Sie stillen Fernweh, aber schreiben sich auch ein in die lange Geschichte einer Fotokunst, die das ­Gesehene nicht allein abbilden, sondern interpretieren will. Kurz: Dierk Maass’ Bilder, etwa auch jene überbelich­teten Aufnahmen, mit denen er bekannt geworden ist, sind mehr als Urlaubserinnerungen: Sie sind Ausdruck einer Idee, die Welt nicht nur zu rezipieren, sondern sie zu gestalten. ­Diese Fotografien wurden einmal als „Vorstellungs- und Augen­bilder zugleich“ beschrieben. Eine gute Einschätzung, denn sie sind beides: Sie zeigen die Wirklichkeit durchaus, aber gestaltet, geformt, wie auch seine Serie Tension° of‘ Seclusion“ verdeutlicht, die ebenfalls als Buch publiziert wurde.

 

Diese Bilder zeigen weite Landschaften, die an verschiedenen Orten der Erde fotografiert wurden. Wüsten mit Well­blechhütten, karge Steinlandschaften, Schotterpisten durch das Nichts, verwaiste Baustellen, „Nicht-Orte“ – um den ­foto­historisch bedeutsamen Begriff des „non-lieu“ des französischen Anthropologen Marc Augé aufzugreifen. Es sind mitunter Orte, die keine besondere Identität oder Geschichte haben – denen erst die Bearbeitung als Motiv künstlerischer Fotografie eine Bedeutung verleiht.

 

„So wie ein Ort durch Identität, Relation und ­Geschichte gekennzeichnet ist, so definiert ein Raum, der ­keine Identität besitzt und sich weder als relational noch als ­his­torisch bezeichnen läßt, einen Nicht-Ort“, schreibt Augé schon 1994 – und ebendiese Einsamkeit vieler Bilder von Maass ­fasziniert. Andere wieder feiern das Spektakuläre der Wildnis, der unberührten Natur. Weitere zeigen die „Ani­mitas“, die farbenprächtigen, fantasievollen Gedenkstätten für ­tödlich Verunglückte am Straßenrand entlang des ­südamerikanischen Teils der Panamericana: In diesen Gegensätzen entfaltet sich das Werk von Dierk Maass – pendelt mal in die eine, dann in die andere Richtung.

 

„Dem Betrachter sollen nicht die Augen übergehen. Sein Blick ist vielmehr eingeladen, sich darin suchend ­ein­zurichten“ – so hat Christian Janecke das Werk von Maass beschrieben, das sich niemals zu sehr dem Pittoresken zu­wendet. Auf die Darstellung des Menschen verzichtet er in seinen Fotografien zumeist: Stattdessen thematisieren seine lichtdurchfluteten, rätselhaft zeitlosen Bilder Leere und ­Einsamkeit. „Mit dem Bewusstsein ist schlechthin Licht ­verbunden. Ich weiß mich im Licht; mein Wissen ist Licht“, so hat Dierk Maass selbst einmal sein Schaffen resümiert.

 

Seine neueste Serie hat der Künstler Traces° of‘ Ur­banity“ genannt. Auch diese kommt ganz ohne die Darstellung des Menschen aus – auch wenn dieser mehr als je zuvor ­präsent ist. Wir sehen Strandgut, eine Salzpyramide, ein Wirrwarr von Kabeln an einem Strommast, eine aus ein­fachen Holzplatten zusammengezimmerte Hütte.

 

Schlichter als zuvor, unspektakulärer und doch ­an­rührend erzählen diese einfachen Bilder vom Menschsein, von der menschlichen Kultur. Sie zeigen eine neue Facette im Werk von Dierk Maass. Sie künden von einem ­neuen bild­nerischen Interesse, das nun nicht mehr um Farb-­Licht-Phänomene, um monumentale Landschaften kreist, sondern um die Einfachheit, die Schlichtheit des foto­gra­fischen Ausdrucks. Wählte Maass in seiner Fotografie bisher oft den Weg der Verrätselung des in der Welt Gese­henen, so ist es jetzt anders: Er zeigt die Dinge, selbst scheinbar erstaunt über ihre einfache körperliche Präsenz, ihre Wesenhaftigkeit.

 

Marc Peschke

© brouwer edition 2020