Presse

Artikel in ARTMAPP, Sommer 2015

 

Harald F. Müller

 

Im Farbbad

 

Sein Atelier hat sich Harald F. Müller in den Gebäuden des ehemaligen Augustinerchorherrenstifts in Öhningen, einem kleinen Dorf am Bodensee, unmittelbar an der Grenze zur Schweiz eingerichtet. In den ehemaligen Wohnräumen eines der Chorherren, in denen Verweise auf Vergangenes allgegenwärtig sind, entwickelt der Künstler seine Konzepte für Arbeiten in Räumen heutiger Hotspots der Wirtschaft und der Wissenschaft. Diese seine Schöpfungen finden sich beispielsweise im Google-Headquarter in Zürich oder im Foyer des Prime Towers, dem höchsten Gebäude der Schweizer Hauptstadt, ebenso in den Räumen des Höchstleistungs­rechenzentrums der Universität Stuttgart oder dem kürzlich eröffneten Werkhof des Gartenbauamts der Stadt St. Gallen. Hier wie in über einem Dutzend weiterer Bauten besetzt ­Harald F. Müller Wände und Räume mit Farben und manchmal auch mit Bildern. Was in der Beschreibung unspektakulär klingen mag, führt beim Erleben von Müllers Interventionen nicht selten zu einer totalen Neudefinition dessen, was Architektur sein kann. Seine Werke verleihen den Räumen eine ganz eigene Qualität, die über das rein Architektonische weit hinausgeht.

 

Eine der ersten, aber in ihrer Radikalität noch immer wegweisenden Farbarbeiten konnte der Künstler 2004 im neuen Gästehaus der Kartause Ittingen realisieren. Im ­ehe­maligen Kartäuserkloster wird inzwischen ein Teil der Gebäude als Hotel- und Seminarinfrastruktur genutzt. Diese erfuhren in jener Zeit eine umfassende Sanierung durch das Büro harder spreyermann architekten. Dabei wurde ein ehemaliges Stall- und Scheunengebäude zu einem ­Zimmertrakt umgebaut, der durch ein Foyer und eine mehrstöckige Treppenhalle erschlossen wird. Zwei Wände und ein Deckenstück dieser durchs ganze Gebäude aus­greifenden Raumfigur konnte ­Harald F. Müller mit selbst gewählten Farben bespielen. Er entschied sich für ein Venezianischrot und ein Kupferblau an den Wänden sowie ein dunkles Anthrazit für die Decke. Die Auswahl dieser ­Farben war dabei weder zufällig noch intuitiv. Sie beruhte vielmehr auf einer sorgfältigen Analyse der ­Umgebung. In der Einfärbung von Stuckaturen und Deckengemälden der ­ehemaligen Klosterräumlichkeiten hatte Harald F. Müller ebenjene Farbtöne vorgefunden, die – nun eingebracht in die neu erbaute Hotelinfrastruktur – nichts mehr von ihrer Herkunft aus den Tiefen der Vergangenheit ahnen ließen, aber trotzdem eine verbindliche und wahrnehmbare Verbindung zu den historischen Gebäudeteilen schaffen.

 

Die Wirkung dieses großflächigen Farbeintrags ist bis heute verblüffend: Der kahle, ansonsten ganz in Weiß ge­haltene Treppenraum wird zu einem Ort einer geradezu körperlichen Farberfahrung. Auch wenn der Anstrich nur die eine Wand besetzt, so tönt dessen Abstrahlung ebenso jede andere Fläche des verwinkelten Raums je nach Lichteinfall intensiver oder sanfter ein. Wer die Treppe nach oben steigt, nimmt gleichsam ein Farbbad, schwebt dahin im Venezia­nischrot mit all seinen Schattierungen, die den Raum zum Vibrieren bringen. Das Himbeerrosa legt sich über Haut und Kleider und durchwirkt jeden Winkel, sodass der Weg ins Hotelzimmer zu einer ganzheitlichen Farberfahrung wird. Das Dasein und die Welt werden für einen Moment ganz und gar zu einem ästhetisch-koloristischen Phänomen.

 

Vergleichbare Konzepte einer großflächigen Besetzung von Wänden mit Farben konnte Harald F. Müller seitdem an den unterschiedlichsten Orten umsetzen. Insbesondere mit dem Architektenduo Annette Gigon und Mike Guyer verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit, die um die Jahrtausendwende mit dem Farbkonzept für die Wohnsiedlung „Broëlberg“ in Kilchberg unweit von Zürich begann und seither bei mehreren Projekten in der ganzen Schweiz vertieft wurde. Die Kooperation des Künstlers mit den Architekten hat vielerorts zu überraschenden Farb­lösungen an und in Gebäuden geführt, die manchmal – wie bei den 2009 erstellten Stellwerkbauten am Bahnhof in ­Zürich – ganz unscheinbar sind, manchmal aber mit schreienden Kontrasten jenseits ­jeder traditionellen Farbenlehre das Auge reizen, etwa bei der Ausbildungswerkstätte Appisberg bei Männedorf, wo hellgrüne Baukörper in der hellgrünen Frühlingswiese stehen.

 

Es ist jedoch nicht nur die Möglichkeit zu Spektaku­lärem, die Harald F. Müller an der Farbe interessiert. Dies zeigt sich in seiner Arbeit für das Winterthurer Museum „Am ­Römerholz“, wo er zusammen mit der Kuratorin Mariantonia Reinhard-Felice die Farbe der Raumbespannung bestimmte.

 

Die Wahl des richtigen Grautons war hier eine heikle Sache, ging es doch darum, die Bilder der Sammlung Oskar Reinhart richtig zum Klingen zu bringen und gleichzeitig eine angemessene, sprich unaufdringliche, elegante Raumerfahrung zu erzeugen. Denn letztlich sind die Hintergrundfarben in ­Museen genauso bestimmend für die Wahrnehmungs­erfahrung und Empfindungen der Besucher wie die stark farbigen ­Wände etwa im Ittinger Hotel. Nur legt sich ein Grau um so viel dezenter und unaufdringlicher auf die Haut wie ein Venezianischrot.

Harald F. Müllers Farbkonzepte für Architekturen sind stets untrennbar verbunden mit den Bildwerken, die in ­seinem Atelier entstehen. Seine Arbeit im Kloster ist eine permanente bildnerische Erforschung. Allerdings sind ­Harald F. Müllers dafür eingesetzte Instrumente nicht primär Pinsel und Leinwand, sondern vor allem die Fotografie. Seit Jahrzehnten sammelt und untersucht der Künstler dieses ­Medium. Sein Rohmaterial findet er auf Flohmärkten, in Archiven, ­Büchern oder auch mal in Druckereiabfällen. Letztlich ist es die ganze unüberschaubare Menge der je entstandenen Bilder, die sein Arbeitsmaterial bilden. Durch seine Auswahl, aber auch das Neufokussieren und die Reinszenierung an der Wand veredelt er die an sich banalen Einzelfotografien und überführt sie in den neuen Wahrnehmungskontext des Kunstraums. Hier werden seine „Cuts“, seine Einschnitte in die Bildermasse der Welt, zu Ausgangspunkten einer sub­stanziellen ästhetischen Betrachtung und Diskussion über das Funktionieren der Bilder.

 

Die Farbe spielt auch in diesen Atelierarbeiten eine wichtige Rolle, besonders in der Serie „Ciba Noir“. Der Titel dieser Folge bezieht sich auf das Farbfotopapier „Cibachrome“, dessen Produktion 2011 endgültig eingestellt wurde. Die ­Digitalisierung hatte dieses hochklassige, auf chemischen Prozessen beruhende Fotopapier obsolet, weil zu teuer ­werden lassen. Harald F. Müller setzt in „Ciba Noir“ nun die letzten Cibachrombögen als Readymade-Bilder ein, indem er die unbelichteten Fotopapiere wie seine anderen Bilder inszeniert. Er sieht in jeder der karamellfarbenen Flächen eine unendliche Sammlung von nicht entstandenen Bildern ­enthalten. In der Ausstellung im Magazin4 – Bregenzer Kunstverein 2015 zeigte sich dieses Potenzial deutlich in den Spiegelungen des Ausstellungsraums auf den Oberflächen der präsentierten Fotopapiere. Rund einhundert Jahre nach ­Kasimir Malewitschs ikonischem „Schwarzem Quadrat auf weißem Grund“ künden Harald F. Müllers Quadrate der Serie „Ciba Noir“ von der nächsten epochalen Veränderung im Umgang mit dem Bild.

 

Dass die „Cuts“ und die „Ciba Noir“-Serie im Ausstellungsraum als reliefartige Körper auf bemalte Wände gehängt sind, verbindet sie als Atelierarbeiten des Künstlers wieder ganz direkt mit seinen Farbkonzepten für Bauten. Im Werk von Harald F. Müller bedingen sich so Bild und Raum immer gegenseitig. Räume wollen wie Bilder gesehen werden; Bilder wiederum eröffnen Räume.

 

Markus Landert

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