Presse

Artikel in ARTMAPP, Winter 2019/20

 

Sabine Becker

 

Vielfältiges Spiel im Gleichen

 

Die aus Lübeck stammende und in Konstanz lebende Sabine Becker hat ihr künstlerisches Konzept auf eine ganz spezielle Farbe ausgerichtet: Sie inszeniert das Pigment Kobaltblau. Weitere Nuancen, etwa Miloriblau oder andere Primärfarben, dienen als Bühne für die komplexen Wirkungen ihres Kobaltblaus.

 Der Begriff Blau weckt in uns zahlreiche geistesgeschichtliche Konnotationen, die reflexartig aufkommen, wenn es um Sabine Beckers Bilder geht. Naturwahrnehmungen und Empfindungen, besonders sakrale, spielen dabei eine Rolle. Doch traditionelle Deutungsmuster aus der europäischen Kunst- und Geistesgeschichte zur Farbe Blau sind nicht übertragbar auf das Kobaltblau Sabine Beckers, denn sie beziehen sich auf eine Abstraktion von Blau. Man kann den Bildern Sabine Beckers so nicht gerecht werden, denn Blau ist nicht gleich Blau, und hier begegnet uns ein sehr spezielles Blau.

 

Dieses sogenannte Kobaltblau wurde zwar schon in der Antike und danach wieder vom Spätmittelalter bis heute verwendet, doch handelt es sich dabei um eine sogenannte Smalte, das heißt um ein mit Kobaltoxid gefärbtes Glas, das transparent ist und vor allem zur Glasfärbung verwendet wurde. Das von Sabine Becker verwendete Kobaltblau ist ein Kobaltaluminat, das erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit der neuzeitlichen industriellen Farbherstellung erfunden wurde. Dieses Pigment ist durch den Anteil von Aluminiumoxid intransparent, also am ehesten mit dem Becker’schen Blau vergleichbar. Es fand zunächst in der Glas- und Por­zellanproduktion Verwendung und hielt erst mit den Impressionisten Einzug in die Farbpalette der Malerei. Das Blau der Romantiker samt den damit verbundenen Empfindungen war also noch ein anderes und eher im Bereich Ultramarin zu sehen. Wiederum ist das in der neuzeitlichen Malerei verwendete Kobaltblau nicht dasselbe wie das Kobaltblau Sabine Beckers. Das Kobaltpigment, wenn es zum Malen in Öl gebunden wird, verliert seine matte Strahlkraft, wirkt dunkler und verliert seine Tiefe.

 Yves Klein sah sich mit diesem Problem konfrontiert. Selbst das Pigment seines „International Klein Blue“ genügte dem Anspruch des Künstlers nicht mehr, sobald es in Öl gebunden wurde. Denn es verliert dadurch seine Farbtiefe. Yves Klein wollte die Wirkung des reinen Pigments, das Ober­flächen in der Wahrnehmung auflöst, und er fand mit dem Harz Rhodopas ein geeignetes Fixativ. Das Problem hatte auch Sabine Becker zu lösen, wenngleich mit einem anderen Blau und einer anderen künstlerischen Intention. Sie verwendet in geringem Maße Acryl für das Binden ihres Kobaltblaus. Um dabei eine möglichst hohe Dichte des Pigments zu er­reichen, drückt sie das Farbpulver in die Grundierung. In zahlreichen Wiederholungen entstehen viele monochrome Schichten, die eine lebendige Oberflächenstruktur aus ­kleinen, ineinander übergehenden abgeflachten Graten und Kratern ergeben. Das Ergebnis könnte man als ein mono­chromes Palimpsest bezeichnen.

 

Sabine Beckers aufwendiger Farbauftrag bewahrt die Strahlkraft des Pigments und beschert dem Betrachter ein ­ungewohntes Farberlebnis, das die wenigsten aus ihrem Alltag kennen. Das Sehen unseres Medienzeitalters ist geprägt von den Massenmedien, die uns als Druckerzeugnis oder ­Monitorbild vor Augen treten. Doch weder im CMYK-Farb­raum des Drucks noch im RGB-Farbraum des Bildschirms lässt sich die Brillanz des Kobaltpigments darstellen. So kultiviert Sabine Becker ein sehr spezielles Kobaltblau, dessen Erscheinung sich von den gängigen Seherfahrungen absetzt.

 

Die Monochromie in der Fläche tendiert dazu, die Ober­flächen verschwimmen zu lassen. Diesem Phänomen setzt Sabine Becker ein organisch-krustiges Oberflächenrelief entgegen. Entsprechend ist ihr Gesamtwerk gekennzeichnet von seriellen Versuchsreihen, in denen sie materielle und immaterielle Wirkungen immer wieder aufs Neue austariert. Dabei nutzt sie das Kobaltblau für ein komplexes Spiel mit Licht und Raum. Es entwickelt bei starkem Licht von vorn eine Energie, die dem Betrachter entgegenstrahlt. Die Bildfläche wirkt dann als kompakte, expressiv-monochrome Fläche. Kommt das Licht von der Seite, durchweben die feinen Schatten der Oberflächenstrukturen das Kobaltblau. Es sind „farbige Schatten“, in denen das Auge den Ausgleich zum Kobaltblau sucht, woraus ein irreales und geheimnisvolles Vibrieren der Bildfläche erwächst. Im schwachen Dämmerlicht erscheint die Fläche wieder kompakt, dieses Mal aber dunkler und das Auge des Betrachters in die Bildfläche hineinziehend. Im Raum überlagern sich diese Wirkungen in einem vielfältigen Spiel – am schönsten bei wechselnder natürlicher Beleuchtung. So inszeniert Sabine Becker mit ihrem Blau nicht nur Raum und Fläche, sondern in besonderer Weise auch Licht und Zeit.

 

Mit der Beschränkung auf ein besonderes Blau fordert Sabine Becker uns heraus. Ihre Bilder zwingen uns, genau hinzuschauen – auf das farbige Material, aber auch auf die vielfältigen irrealen Wirkungen. Farbe kann ein Abenteuer sein, wenn man dafür sensibilisiert ist. Dies gilt dann nicht nur für das Blau des Himmels, sondern ebenso für das Rot des Mohns und das Gelb der Sonnenblume.

 

Markus Döbele

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